EXTERNE EVALUATION
Mai/ Juni 2004
Gertraud Greiling, Münster
Inge Büchner, Hamburg

Bericht an die Schule Lüssumer Ring im Rahmen der Evaluation Bremer Schulen

Vorbemerkungen
Berichtshintergrund: Vorstellungsgespräch: 17.5.2004
Besuche am 2. und 3. Juni 2004
Gespräche
- mit den Schulleiterinnen
- mit dem Kollegium der Schule
- mit den DaZ-Lehrerlnnen
- mit Kindern
- mit Eltern
- mit dem Kontaktpolizisten
Hospitationen
- in je einer Klasse jeden Jahrgangs
- in einer sonderpädagogischen Maßnahme
- im Leseintensivkurs
- in einer Kleingruppe zur Leseförderung
- in der Trommelgruppe
- in der Zirkusprobe
Rundgänge
- durch das Schulgelände und
- durch den Stadtteil
Austausch mit der Schulrätin Frau Ubben, am 17.5.04

Die Stärken der Schule liegen
- in ihrer Verwurzelung im Stadtteil
- Es besteht ein enger Kontakt zu anderen Institutionen des
Stadtteils
- Beim Rundgang wird deutlich: „Man kennt und achtet sich“
- in der Öffnung der Schule
- Mus-e: Künstler kommen in die Schule und arbeiten mit den Kindern und Lehrerinnen gemeinsam an Projekten.
- Die Kinder treten öffentlich auf, z. B. mit der Trommelgruppe
und dem Zirkus (Schulhof, Stadtteil, Innenstadt)
- Opus: Eltern bereiten ein gesundes Frühstück für die Kinder
- Die Bücherei wird für den Stadtteil geöffnet (geplant).
- Mama lernt Deutsch: In einem Kurs für Mütter mit anderen Herkunftssprachen können diese die deutsche Sprache erlernen.
- im Umgang miteinander
- Prävention von Gewalt durch den „Runden Tisch“
- Ein herzlicher Umgang untereinander, sowohl bei den
Erwachsenen als auch mit und unter den Kindern ist zu spüren.
- Das Freitagsritual stiftet durch seine offene Form (Darlegung der Ergebnisse jeweils eines Jahrgangs) und auch mit dem Schullied, dem Lüssi-Rap, Gemeinschaftsgefühl.
Das Profil dieser Schule wird geprägt durch die herzliche Zuwendung zu den Kindern, den vertrauten, aber auch Grenzen setzenden Umgang miteinander (z. B. Streitschlichter-Kultur). Die Identifikation von Kindern und Kollegium mit ihrer Schule und das Selbstbewusstsein der Kinder, die zu einem großen Teil aus belasteten Elternhäusern kommen, werden besonders gestärkt durch die mus-e-Aktivitäten, durch das Zirkusprojekt und die Trommelgruppe. Es ist unbedingt erforderlich, dass für diese Vorhaben auch in Zukunft eine Finanzierungsmöglichkeit gefunden wird.

Schwerpunktthemen der Schule
- Sechsjährige Grundschule ab dem Schuljahr 2004/05
Dazu dient der Umbau, der parallel zu der Sanierung der Schule erfolgt. Dann wird es zwei Blocks geben: Klassen 1 bis 3 und Klassen 4 bis 6. Begonnen wird im Jahre 2004 mit einer 5. Klasse.
Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, hat sich die Schule erfolgreich um die Ausstattung eines naturwissenschaftlichen Fachraums gekümmert, der mit dem Umbau entstehen wird.

- Verbindliche Ganztagsschule ab dem Schuljahr 2004/05 Dazu herrscht allgemeiner Konsens (Eltern, Lehrkräfte, sozialpäd. Personal)
- Mit dem Hort Fillerkamp wird kooperiert, die Horterzieherinnen
werden bereits jetzt einbezogen.

- Die Präsenzzeit der Lehrerinnen wird organisiert und strukturiert
- Zur Rhythmisierung des Tages gibt es Vorstellungen, die noch durch eine pädagogische Ausgestaltung des ganztägigen Bildungs- und Erziehungsprozesses konkretisiert werden müssen.

Schulklima/ Umgangsformen
- Es ist ein fröhlicher, unkomplizierter, vertrauens- und achtungsvoller Umgang miteinander zu spüren. Regeln werden wie selbstverständlich eingehalten (Aufstellen nach Pausenschluss beim Eingang, Ausgabe von Spielgeräten für die Pause).
Ein Klassenrat sorgt dafür, dass Probleme gelöst werden (Runder Tisch).

- Das Freitagsritual dient der Stärkung des Wir-Gefühls. Hier wird öffentlich eine Bestandsaufnahme gemacht. Kinder zeigen ihren Mitschülerinnen, was sie gelernt haben. Hier werden aber auch Kinder begrüßt, die hinzukommen oder verabschiedet, wenn sie die Schule verlassen.

- informelle Gespräche zwischen den Lehrkräften finden regelmäßig in den Pausen statt. Die Kolleginnen haben sich das Lehrerzimmer nach ihren Wünschen umgestaltet. Nur wo Lehrerinnen sich wohl fühlen, vermitteln sie auch den Kindern eine Wohlfühlqualität.

Gestaltete Umgebung
- Es ist eine Schule im Grünen mit großer Wiese und altem Baumbestand. Es gibt aber auch versiegelte Flächen, die besonders für das Training der Zirkusgruppe und den Umgang mit Spielgeräten (z.B. Einrad) in der Pause geeignet sind. Beachtenswert: Die Geräte der Zirkusgruppe können von allen Kindern ausgeliehen werden!
- Der Schulgarten macht im Moment einen etwas verwaisten Eindruck.
Er soll aber im Rahmen der Ganztagsschule für unterrichtliche Zwecke genutzt werden.
- An die Wiese schließen sich eine 75m-Laufstrecke und eine Sprunggrube an, so dass dieser Teil des Schulgeländes als Sportplatz genutzt werden kann.
- Ein „Klassenraum im Freien" bietet jeweils einer Klasse die Möglichkeit, in grüner, ruhiger Umgebung den Unterricht zu erleben.
Durch Bänke im Kreis und abgeschirmt von der Pausenunruhe wird dieser Platz auch zur Rückzugsmöglichkeit für die Kinder, die etwas Ruhe suchen.
- Arbeiten der Kinder und viele ansprechende, gerahmte Fotos in den Fluren und Klassenräumen zeugen von der Wertschätzung der kreativen Aktivitäten der Kinder.
- Die Räume der Kinder sind mit vielseitigem Material ausgestaltet und gegliedert - passend zu den unterschiedlichen Arbeitsformen.
- Die Bücherei ist mit vielen Büchern ausgestattet, es fehlen ihr jedoch die neueren Bücher. Auch hier ist an eine Erweiterung und an die Modernisierung der Ausleihe (computergestützt) gedacht. Empfohlen wird die Zusammenarbeit mit einer Buchhandlung, die auch als Sponsor fungieren könnte.
- Im ästhetischen Leseclub versammeln sich die „Lesekönner", die gelegentlich auch Besuch von Gruppen haben, denen sie aus den Büchern vorlesen.
- Nach der Umgestaltung wäre zu überlegen, ob nicht mehr Grün und Tiere eine Bereicherung wären. Die Kinder können sich in einer solchen Umgebung wohl fühlen, was besonders für die Kinder dieses Wohngebiets wichtig ist, so dass die Schule zum Mittelpunkt des Lebens der Kinder werden kann.
- Die dringend notwendige Umgestaltung und Ordnung des Lehrmittelraumes ist für die Zeit nach dem Umbau geplant. Er wird dann ein „Anregungsraum für Unterricht“.
- Den Betreuungsgruppen stehen gemütlich ausgestattete Räume mit vielfältigen Möglichkeiten der Betätigung zur Verfügung.

Lehren und Lernen
Durch die zeitliche Begrenzung der Hospitationsmöglichkeiten war es nur möglich, Unterrichtseinheiten mit Übungscharakter zu beobachten. Dabei wurden Ziele klar vorgegeben. Differenziert wurde über z. T. liebevoll angefertigtes Material.

Umgang mit Heterogenität
Für die Kolleginnen ist es ein Problem, dass sie es mit einem so hohen Anteil an Kindern mit anderen Herkunftssprachen zu tun haben, die die Unterrichtssprache nicht ausreichend beherrschen. Sie gehen damit unterschiedlich um:
Vorrangig versuchen sie, das Problem durch äußere Differenzierung zu lösen (Fördergruppen mit DaZ-Lehrer). Aus der Diskussion zwischen Schulleitung, Klassen- und Förderlehrerinnen ist zu schließen, dass gegenwärtig ein Umdenkungsprozess stattfindet. Daran haben Kolleginnen besonderen Anteil, die schon Wege der inneren Differenzierung gefunden haben. Es käme darauf an, die Kenntnisse und Erfahrungen für eine Neuorientierung im Förderkonzept zu nutzen. Im Gespräch wurde deutlich, dass bereits positive Erfahrungen mit einer engen Zusammenarbeit zwischen Förderlehrerinnen gemacht wurden und eine Verzahnung mit der Arbeit des DaZ-Lehrers angedacht ist, mit dem Ziel, den bisher externen Förderunterricht immer häufiger zu integrieren. Empfehlenswert ist, bei dieser Entwicklungsarbeit die Kompetenz der Förderlehrerinnen und die Erfahrungen des Teams aus der 4. Klasse zur Beratung und gegenseitigen Hospitation zu nutzen.
Fazit: Die Kompetenzen aller Förderlehrerinnen sollten gebündelt und für den Regelunterricht genutzt werden. Doppelbesetzungen mit verbindlichen Absprachen könnten eine Ausgrenzung der Kinder mit Problemen verhindern und die Chancen des Voneinander-Lemens erhöhen. Nach wie vor wird es jedoch - im Rahmen der verbindlichen Absprachen - nötig sein, dass Kinder punktuell außerunterrichtlich gefördert werden.
Bereichernd für die ganze Klasse und zur Stärkung der Kinder mit anderen Herkunftssprachen sollten Ergebnisse des kurdischen und türkischen Unterrichts in den Regelunterricht einfließen. Der Leseintensivkurs an dieser Schule bestätigte unseren ersten Eindruck von dieser Maßnahme. Es ging um die technische Seite des Lesens und nicht um einen ganzheitlichen Ansatz (Lesen ist wichtig, kann ich gebrauchen, macht Freude und neugierig auf mehr). Obwohl der Lehrer mit den sechs Erstklässlern (5 Jungen und 1 Mädchen aus zwei Schulen) unterschiedliche Formen nutzte, um die Kinder auf das Thema (ch) einzustimmen, blieben die Kinder lustlos, bearbeiteten relativ mechanisch ein Arbeitsblatt.
Das Problem: Die Kinder bringen bereits Vorerfahrungen im Schrifterwerb mit. Dieses Konzept geht davon aus, dass sie Anfänger (Analphabeten, wie es im Evaluationspapier heißt) sind. Es ist nötig, LUST am Lesen zu wecken. Das ist in einer anregungsreichen Umgebung (auch hier nur ein paar Bücher im Regal) und in einer Gemeinschaft, in der sich die Kinder wohl und geborgen fühlen, möglich. Dazu gehört auch, dass Lesen herausgefordert wird (Spannung, Neugier). Das Wichtigste konnte nicht beobachtet werden, nämlich dass den Kindern vermittelt wird, dass Lesen wichtig ist und sie es gebrauchen können.

Leistungsmessung, Leistungsbeurteilung
Uns lagen Unterlagen für Vergleichsarbeiten vor, die die für die Jahrgangsstufe erwarteten Fertigkeiten (an den Lehrplänen orientiert) abdeckten. Für die Lernfortschritte der Kinder machen die Tests dann Sinn, wenn sie als Bestandsaufnahme gewertet werden, an die individuelle Förderung und Herausforderung anknüpft, in deren Planung die Kinder einbezogen sind.
In einer vierten Klasse konnte diese Vorgehensweise beobachtet werden. In einem Vortest im Fach Mathematik wurden die Kinder (und Lehrerinnen) aufmerksam auf „Das kann ich schon" und „Das muss ich noch üben". Die unterschiedlichen Aufgabenbereiche konnten jetzt mit unterschiedlichem Level und unterschiedlichen Übungsformen (an die die Kinder gewöhnt waren) an den Stationen trainiert werden. Die beiden Lehrerinnen standen als Berater und Begleiter zur Verfügung. Am Ende der Phase trugen die Kinder ein, woran sie gearbeitet hatten und berichteten im Kreis, was sie gelernt hatten.
Vortests werden dann überflüssig, wenn diese Arbeitsweise bereits im ersten Schuljahr an die Schuleingangsdiagnose anknüpft (Im oben beschriebenen Fall war die Klasse mit diesem Schuljahr erst neu zusammen gestellt worden). Das schrittweise Einbeziehen der Kinder in die Verantwortung für ihren Lernprozess bewirkt eine andere Kultur des Lernens. Kein Kind braucht zu üben, was es schon kann oder was es überfordert. Verstellbar wäre auch eine Beteiligung der Kinder in einem „Prüfe dich selbst" nach jedem Lernabschnitt. In einem Logbuch oder Lerntagebuch werden Ziele und Fortschritte von Kindern und Lehrerinnen festgehalten.
Das ist ein arbeits- und personalaufwändiges Vorgehen, ist aber vorstellbar, wenn die Förderkräfte gebündelt werden. Wurden bisher die Leistungen der Kinder in einem Rasterzeugnis gewertet, so bietet sich in Zukunft ein Lernentwicklungsbericht an, in dem der Prozess beschrieben wird/ die Fortschritte und die individuelle Hilfestellung mit den Konsequenzen daraus und deren Erfolg.

Schulleitung
Die Schulleitung stellte sich uns als Dreier-Team vor. Die vielseitige Ausbildung der Schulleiterin (GHR-Lehrerin, Sonder- und Sozialpädagogin) ist für eine Schule gerade an diesem Standort besonders wertvoll. Wenn die langjährige Konrektorin, deren besondere Verdienste in der Zusammenarbeit mit dem Stadtteil zu liegen scheinen, ausscheidet, kann sie sicher sein, dass ihre Arbeit fortgeführt wird. Die Nachfolgerin ist schon jetzt fest ins Leitungsteam eingebunden.

Eltern
Als problematisch sieht die Schule selbst die Arbeit mit den Eltern an. Die Elternabende sind schlecht besucht, Eltern scheinbar kaum zur Mitarbeit zu gewinnen. Die Ansätze (Auftritte der Trommel- und Zirkusgruppe, Flohmarkt und Feste) sollten die Schulleitung ermutigen, über die Kinder deren Eltern zu erreichen.
Im Gespräch mit den Eltern wurde deutlich, dass sie mit der Entwicklung der Schule zufrieden sind. Sie betrachten die Schule als „Oase“, in der die Kinder künftig sechs Jahre behütet aufwachsen können. Für die gebundene Form der Ganztagsschule setzten sie sich aktiv ein.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Schule eine positive Entwicklung nimmt. Es ist zu wünschen, dass die Ansätze zur inneren Differenzierung und Individualisierung weiter verfolgt werden. Dazu ist es erforderlich, durch ausreichende Personalzuweisung und eine sichere Finanzierung der Vorhaben dieser Schule die besonderen Bedingungen dieses Stadtteils zu berücksichtigen.